St. Martin-Fest in München

von Johanna Panagiotou Mamali

München, 10 November 2016

Ein Großteil unserer Persönlichkeit wird entscheidend durch unsere Kindheit geprägt. Und unsere Kindheit ist ein Schlüssel, der viele Türe des späteren Lebens öffnet. Doch was haben wir damals erlebt? Welche waren die Menschen, die uns beeinflusst haben? Wie wurden wir erzogen?

Ich bewundere Menschen, die sich an jede Einzelheit erinnern können und eine Antwort auf die oben gestellten Fragen haben. Ich kann mich leider nur an einzelne Personen und Situationen erinnern… Ich bin eher ein „Zukunft-Junkie“. Und so muss ich meistens im Trüben fischen, um mir etwas aus meiner Kindheit rauszuholen.

Es gibt aber ein Kapitel in meinem Tagesbuch, an das ich mich hervorragend erinnern kann: die Zeit im Kindergarten! Auf den Fotos bin ich ein kleines, dunkles, freches Mädchen, das aus vielen anderen weißblonden Köpfchen heraussticht. Aber ich weiß, ich fühlte mich damals wohl und es ging mir echt gut.

Die Winterzeit war immer die schwierigste. Winter stand für Weihnachten; und während bzw. vor der Weihnachtszeit gab es einen Adventskalender, in dem sich selten eine „Tür“ für mich öffnete. Meine Erzieherinnen waren von meiner Gehorsamkeit nicht tiefst überzeugt…

Aber diesen Erzieherinnen schulde ich eins: den schönsten Moment meiner Kindheit! Und dieser war zweifellos der Laterne-Umzug am Sankt Martins-Tag.

Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.
Da oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir.
Ein Lichtermeer zu Martins Ehr, Rabimmel, Rabammel, Rabumm.

Laterne, Laterne,
Sonne, Mond und Sterne.
Brenne auf, mein Licht,
Brenne auf, mein Licht,
Aber nur meine liebe Laterne nicht.

Copyrights Video : JOPA, Kindergarten in München

Nach so vielen Jahren kann ich mich an alle Strophen erinnern. Gleichzeitig kann ich mich auch daran erinnern, wie glücklich ich war.

Genau dasselbe habe ich heute empfunden, als ich in meiner Mutter-Rolle diesen Umzug begleiten durfte. Die Gefühle wurden immer stärker, als mir bewusst wurde, dass diese kleinen Zwerge den Sinn des heutigen Tages nachvollziehen und erklären konnten: „Heute lernen wir, wie wir unsere Mitmenschen – die unsere Hilfe brauchen – helfen können. Genauso wie damals Sankt Martin den armen Mann half.“.

Und dann sangen alle mit einer Stimme:

Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin
ritt durch Schnee und Wind,
sein Roß das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut:
sein Mantel deckt’ ihn warm und gut.

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Der heilige Martin und der Bettler (El Greco, 1597/99, National Gallery of Art, Washington D.C.). Q: Wikipedia

In Zeiten, wo Menschen von Kindesbeinen an als Diener eines westlich-individualistischen Systems vorbereiten werden, müssen Familie, Schule und Kirche (Sankt Martin ist einer der bekanntesten Heiligen der katholischen Kirche) alles daran setzen, dass unsere Kinder sich mehr für Toleranz, Offenheit und Solidarität einsetzen.

Denn, wenn wir uns nur damit beschäftigen, unsere Kinder auf eine Leistungsgesellschaft vorzubereiten, werden wir – auch wenn die Sterne dort oben weiterleuchten – weiterhin im Dunkel leben. Zugegeben: ein Leben ohne Nächstenliebe scheint einfach sinnlos zu sein.

Ihre Johanna Panagiotou Mamali

Johanna Panagiotou Mamali

Herausgeberin & Chefredakteurin

Drachme & www.jopa-news.com  

Text: All rights reserved. Autorin: Johanna Panagiotou Mamali

Fotos: JOPA & Drachme, Wikipedia