Der Fall “Jamala”: Hitler, Stalin und die Tataren

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Kultur und Sport sind eigentlich da, um Menschen zu vereinigen. Doch was passiert, wenn sie zum „Kriegsschauplatz“ umwandelt werden, auf denen größere politische Konflikte ihre Fortsetzung finden? Der Anlass für diesen Gedankenaustausch: Am 15. Mai 2016 wurde die Vertreterin der Ukraine, Jamala, zur Siegerin des Eurovision Song Contest erklärt. Ihr Gewinner-Lied, schlicht betitelt „1944“, handelt von der Krimtataren-Deportation und ist von ihrer Familiengeschichte inspiriert. Bereits am nächsten Morgen erschienen im Internet die ersten kritischen Reaktionen. Und obwohl die Jury und das Publikum ihre Stimmen schon längst abgegeben hatten, ging im virtuellen Raum eine eifrige Punktvergabe weiter. Diese Gegenreaktion war schwer zu übersehen: Einer Reihe von Online-Medien zufolge soll Jamalas Lied nichts anderes als eine Nazi-Rehabilitation sein. Die zwanghafte Umsiedlung der gesamten tatarischen Bevölkerung der Halbinsel Krim, von der im Lied die Rede ist, sei nämlich eine Strafe für die Kollaboration mit den deutschen Besatzungsmächten und für den Beitritt einer erheblichen Anzahl von Tataren zur Waffen-SS. Doch dabei ist es nicht geblieben. Die angeblich „rechtsextrem orientierte“ ukrainische Regierung erziele mit diesem Auftritt eine Vertuschung der Vergangenheit.

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Graphik: Liza Panteliadou, Digitalisierung: Antonis Efthymiou

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Olga, du bist in der Ukraine aufgewachsen und kennst dich bestens mit der Thematik aus. Wie hast Du es empfunden?

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pic2Die Leichtfertigkeit der Aussagen – auf denen so heftig beharrt wird – zu einem schwerwiegenden und unbekannten Thema sowie die Einseitigkeit und Begrenztheit der Berichterstattung haben mich sehr unangenehm berührt. Dem hinzuzufügen ist die Verzerrung historischer Fakten. Ein Beispiel: Ein aus dem Bildmaterial des Bundesarchivs stammendes Foto muslimischer bosnischer Freiwilligen der 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“ (Kroatische Nr. 1) wurde in zahlreichen russischen Blogs und einer griechischen Quelle mit folgender spöttischer Unterschrift versehen: „Die Krimtataren sind noch Mitte des 20. Jahrhunderts der EU beigetreten“. Natürlich kann ich auch die Behauptung „In der Ukraine sind jetzt Neonazis an der Macht“, wie sich kategorisch Ilias Skyllakos in der Online-Zeitung Imerodromos äußert, nicht vergessen.

 

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Das höre ich immer wieder. Kannst du uns bitte über die politische Landschaft in deinem Land aufklären?

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pic2Im Jahr 2014, nach Ergebnissen der unter OSZE-Beobachtung stattgefundenen Parlamentswahl, bildeten den Kern des ukrainischen Parlaments 6 Parteien, deren Ideologien in internationalen Analysen als Mitte, Konservatismus, pro-europäische Orientierung und Catch-All charakterisiert werden. Zwei viel diskutierte rechtsnationalistische Parteien haben mit 4,8% und 1,8% die 5%-Hürde nicht geschafft; in diesem Bereich landete auch die Kommunistische Partei der Ukraine mit 3,9%. Ukraine ist ein multinationales Land, das zahlreiche Komitees und kulturell-religiöse Organisationen von Minderheiten beheimatet, darunter 265 jüdische. Die letzteren feierten im April 2016 die Wahl des ersten jüdischen Ministerpräsidenten der Ukraine.

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pic1Die mangelhaft begründete Aussage, die Ukraine wäre von Rechtsnationalisten regiert, birgt also das Risiko, auch in weiteren Äußerungen als unzuverlässig betrachtet zu werden. Finden eigentlich rechtsradikale Bewegungen  in der Ukraine statt?

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pic2Diese sind gesetzlich verboten. Am 9. April 2015 wurde ein Gesetz über Verbot und Verurteilung der totalitären Regime sowie ihrer Symbolik und Propaganda verabschiedet; als solche sind nationalsozialistische und auch stalinistisch-kommunistische Regime ausdrücklich bezeichnet.

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Kann man anhand der ukrainischen Geschichte die Tatsache, dass beide Regime in ihrer Unmenschlichkeit gleichgestellt werden, nachvollziehen?

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pic2Seit den 1990er Jahren werden neben dem Gedenken von Opfern der nationalsozialistischen Gräueltaten, wie das Massaker von Babij Jar mit 150 000 Ermordeten, auch die Massenvernichtungen des bolschewistischen Terrors bekannt gemacht. In Stalins Plan, neben der öffentlich angekündigten Völkerfreundschaft und Einigkeit der sowjetischen Bürger, war ein klar erkennbares Ziel enthalten: Die Eigenständigkeit aller nationalen Minderheiten sollte maximal geschwächt werden, damit ihre potentiellen Widerstandskräfte leichter zu brechen sind. Von allen „Maßnahmen“ dieser Art forderte die menschengemachte Hungersnot von 1932-1933 in der Ukraine die meisten Opfer, deren Gesamtzahl auf 3,5 bis 14,5 Millionen Menschen eingeschätzt wird. Diese Katastrophe wurde während der Arbeit an der UNO-Konvention gegen den Völkermord als „das klassische Beispiel eines sowjetischen Genozids“ definiert und 2008 vom Europäischen Parlament als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt.

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pic1Meines Wissens wurden in der Sowjetunion Massenvernichtungen seit Anfang der 1930er Jahre regelmäßig begangen, allerdings in unterschiedlichen Formen und mit vielfältigen Begründungen, von denen die häufigste „Eliminierung antisowjetischer Personen und Gruppen“ war. Als solche wurden meist Intellektuelle und Vertreter nationaler Minderheiten beschuldigt.

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pic2Richtig. Ein weiteres Machtinstrument des Stalinismus waren die Deportationen – zwanghafte Umsiedlungen, die unter unmenschlichen Umständen ausgeführt wurden (z. B. in tagelang verschlossenen Vieh- und Güterwaggons ohne Verpflegung), sodass ein Teil der Deportierten den Weg nicht überlebte. Die ersten Deportationen von Polen und Koreanern fanden in den 1930er Jahren statt; im Sommer 1941 wurden Esten, Letten, Litauer und Russlanddeutsche als „potentielle Feinde“ nach Kasachstan und Sibirien deportiert.

Noch vor Kriegsende begannen auf den befreiten Territorien erneut Massendeportationen; als Vorwand wurden ganze ethnische Gruppen des Kollaborationismus und des Verrats beschuldigt. Darunter befanden sich Minderheiten der Halbinsel Krim und des Nordkaukasus.

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Fakt ist jedoch, dass die Krimtataren mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet haben. Ist dies etwa unbegründet?

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pic2Die Krimtataren, eine turksprachige islamische Ethnie, bildeten vor dem Krieg 23,5% der Bevölkerung der Halbinsel. Zu Kriegsbeginn kämpften mehr als 17000 Krimtataren in der Roten Armee. Nach der Einnahme der Krim von der Deutschen Wehrmacht verbreitete sich unter den Tataren die Fehleinschätzung, dass die Besatzungsmachtals Befreier vom stalinistischen Regime auftraten (nach dessen politischen Säuberungen hatte die krimtatarische Minderheit mehr als die Hälfte ihrer Intellektuellen zu beklagen); ca. 9 000 Krimtataren traten der Wehrmacht bei. Es ist allerdings zu bemerken, dass dies keine Einzelerscheinung war. So zählte beispielsweise die ROA, eine der russischen Verbände in der Wehrmacht, eine Truppenstärke von 125000 Mann und bildete damit den größten aus Sowjetbürgern bestehenden Truppenteil des „Dritten Reiches“.

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Was genau geschah 1944, nach der Befreiung der Krim von der nationalsozialistischen Besatzung?

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pic2Daraufhin erfolgte ein Befehl Stalins, laut dem die gesamte tatarische Bevölkerung einer Pauschalanklage folgend zur Zwangsumsiedlung verurteilt wurde. Vom 18. bis 20. Mai 1944 wurden 238500 Menschen in Viehwaggons Richtung Usbekistan, Kasachstan und Ural deportiert. 7889 von ihnen haben den Weg nicht überlebt. Innerhalb der darauffolgenden 2,5 Jahre starben infolge der unmenschlichen Lebensbedingungen in den Arbeitslagern, die offiziell als „Aussiedlungen“ bezeichnet werden, weitere 109956 Menschen, was 46,2% der Deportierten ausmachte. Den Überlebenden wurde verboten, sich als Krimtataren zu bezeichnen. Für die Ausstellung der Ausweispapiere bestanden in der Sowjetunion Pflichtangaben zur ethnischen Zugehörigkeit; bei der Selbstbezeichnung einer Person als Krimtatare verweigerten ihr die Behörden die Ausstellung des Passes.

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Was wurde aus den Rotarmisten krimtatarischer Herkunft?

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pic28995 davon überlebten den Krieg. Nach Demobilisierung mussten sie das Los ihres Volkes teilen. Soldaten und Offiziere, die ihren Beitrag zur Bekämpfung des Nationalsozialismus geleistet haben, waren im eigenen Land einer menschenverachtenden und nationalistischen Diskriminierung ausgeliefert. Nur wenige blieben von der Deportation verschont, wie etwa der zweifache Held der Sowjetunion und Major der Luftwaffe, Amet-Chan Sultan, der am höchsten ausgezeichnete sowjetische Soldat nicht-russicher bzw. nicht-ukrainischer Herkunft. Er kam zwar nicht ins Arbeitslager, durfte aber wieder auf die Krim zurückkehren. 2013 bildete seine Geschichte den Stoff der ukrainisch-tatarischen Filmproduktion Khaytarma (tatar. Wiederkehr).

Nach den Krimtataren traf im Juni 1944 die als „Strafe“ getarnte ethnische Säuberung auch alle Armenier, Bulgaren, Assyrer, Iraner sowie die 13500 Pontos-Griechen der Krim. Diese wurden ebenfalls der Kollaboration beschuldigt und hätten angeblich mit den Nationalsozialisten Geschäfte gemacht sowie Schwarzmarkt betrieben.

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pic1Versuchst du mich davon zu überzeugen, dass die stalinistischen Deportationen der Tataren und aller Minderheiten der Krim weniger mit der Bestrafung von Nazi-Mitläufern zu tun hatten und eher einen planmäßigen Teil der staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen darstellten?

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Mittlerweile ist dies von zahlreichen Untersuchungen seitens Historikern und Menschenrechtlern auf internationaler Ebene ausreichend belegt. Erlaubst du mir eine notwendige Ergänzung?

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Ich bin ganz Ohr.

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pic2Nach der offiziellen Erlaubnis im Jahr 1989 kehrte eine große Anzahl Krimtataren in ihre Heimat zurück. In der unabhängigen Ukraine bekamen sie das Recht, den Medschlis (Rat der Krimtataren) als ihre eigene politische Vertretung zu organisieren. Ein Vierteljahrhundert nach ihrer Wiederkehr erlebten die Krimtataren die russische Annexion, der sie sich widersetzten. Darauf erfolgte die Schließung des tatarischen Fernsehsenders ATR im Jahre 2015 und die Erklärung von Medschlis zur extremistischen Organisation am 26. April 2016 sowie eine Diffamierungskampagne gegen dessen Vorsitzenden; in russischen Massenmedien werden diese als Islamisten dargestellt – oder, an die Beschuldigungen aus der Stalinzeit anlehnend, als Rechtsextreme. Aktuell sendet ATR aus Kiew; der Sitz von Medschlis befindet sich ebenfalls in der ukrainischen Hauptstadt.

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pic1Die Behauptung, dass der Verlauf und die Ergebnisse des Eurovision Song Contest politisch beeinflusst sind ist eine Tatsache, die längst außer Zweifel steht. Man denke an das Verbot palästinensischer Flaggen auf der ESC-2016, begründet mit der Eintragung dieses in 138 Ländern anerkannten Nationalsymbols in dieselbe Verbotsliste, in der auch die IS-Fahnen gelistet sind, sowie an Boykott Georgiens während der Eurovision-2009 in Moskau oder an das gleiche Vorgehen Armeniens beim Eurovision Contest 2012 in Baku.

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pic2Ich danke dir für diese treffende Bemerkung. Doch die Ergebnisse der diesjährigen Eurovision stellen viele andere aufschlussreiche Fragen. Was erweckte so viele negative und aggressive Stimmungen gegen Jamalas Lied? Liegen die Gründe in der Besorgung wegen möglicher Vertuschung nationalsozialistischer Verbrechen in europäischen Geschichtsbüchern oder eher in der Befürchtung der unausweichlichen Eintragung stalinistischer Unmenschlichkeit ins internationale Gedächtnis? Ist es möglich, dass ein Land sich das „Monopol“ auf den Sieg über den Nationalsozialismus aneignet und sich dadurch das Recht gibt, gesamte Völker pauschal als „Nazis“ zu entmenschlichen?

Von jeglicher Rehabilitation nationalsozialistischer Verbrecher möchte ich mich ausdrücklich distanzieren. Doch die allseitige Betrachtung der krimtatarischen Geschichte erzählt von der Tragödie eines zwischen zwei unmenschlichen Systemen gefangenen Volkes und bezeugt: Jede Unterdrückung und Gewalt löst eine Gegenreaktion aus.

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pic1Da kann ich dir nur zustimmen. Hier muss ich an eine Rede von George W. Bush denken, in der er 2001 die von den USA vorbereiteten Kriege mit der Denkweise „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ untermauerte. Nach dem gleichen Prinzip handelt aktuell auch Russland, indem alle seine Gegner als „Faschisten“ abgestempelt werden. Das Herumspielen mit solchen schwerwiegenden Beschuldigungen kommt dem weltweiten Gedenken bestimmt nicht zugute.

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        Dem Leser, der sich in die Thematik vertiefen möchte, empfehlen wir folgende Quellen:

 

  1. http://www.laender-analysen.de/ukraine/pdf/UkraineAnalysen139.pdf
  2. http://www.tagesspiegel.de/politik/juden-in-der-ukraine-wir-sind-keine-opfer/9575342.html
  3. http://ukrainianjewishencounter.org/
  4. http://www.eurojewcong.org/ukraine/14968-ukraine-elects-first-jewish-prime-minister.html
  5. http://zakon4.rada.gov.ua/laws/show/317-19
  6. http://www.zeit.de/2008/48/A-Holodomor
  7. http://www.sciencespo.fr/mass-violence-war-massacre-resistance/en/document/mass-crimes-under-stalin-1930-1953
  8. http://web.archive.org/web/20101202211339/http://www.cidct.org.ua/uk/publications/deport/3.html
  9. http://www.unpo.org/members/7871
  10. http://www.nytimes.com/2016/05/20/opinion/russia-is-trying-to-wipe-out-crimeas-tatars.html?_r=0
  11. http://www.nytimes.com/2016/04/27/world/europe/crimea-tatar-mejlis-ban-russia.html?_r=1
  12. http://www.theguardian.com/world/2014/nov/25/-sp-russia-crimean-tatars-soviet-ukraine
  13. http://www.theguardian.com/world/2016/apr/26/court-bans-extremist-crimean-tatar-governing-body-mejlis-russia
  14. http://www.bbc.com/ukrainian/press_review/2016/05/160518_crimean_press_review_rl
  15. http://iskra.gr/index.php?option=com_content&view=article&id=24286%3Azafeiris-tzamala&catid=81%3Akivernisi&Itemid=198
  16. http://www.imerodromos.gr/eurovision-2016-oukrania/
  17.  Kreindler, Isabelle: The Soviet Deportated Nationalities: A Summary and an Update. In: Soviet Studies. Vol 38, no 3, July 1986
  18. Snyder, Timothy: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. 3. Auflage. C. H. Beck, München 2011
  19. Naimark, Norman: Stalin und der Genozid.
  20. Naimark, Norman: Flammender Hass. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert. C. H. Beck Verlag, München 2004
  21. Brian Glyn Williams: The Crimean Tatars. From Soviet Genocide to Putin’s Conquest. Hurst Publishers, 2014
  22. Brian Glyn Williams: The Crimean Tatars: The Diaspora Experience and the Forging of a Nation. Brill’s Inner Asian Library, 2011
  23. Ther. Philipp: Die dunkle Seite der Nationalstaaten: „ethnische Säuberungen“ im modernen Europa. Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-36806-0
  24. Bougai, Nikolai: The Deportation of Peoples in the Soviet Union. Nova Science Publishers, New York, 1996.

Text: All rights reserved. Deutsch-Griechisches Magazin Drachme Nr. 29, S. 22

https://www.yumpu.com/xx/document/view/55689262/drachme29-web/ Eine Recherche von Olga Lantukhova & Johanna Panagiotou Mamali