Es reicht mit der massiven Unterschätzung Griechenlands!

94.024 Menschen sind an der Seegrenze von der Hellenischen Küstenwache gerettet worden.
A volunteer holds a Syrian child after arriving with a group of migrants on a dinghy from the Turkish coast to the northeastern Greek island of Lesbos, on Wednesday, Sept. 30, 2015. The International Organization for Migration says a record number of people have crossed the Mediterranean into Europe this year, now topping a half a million, with some 388,000 entering via Greece. (AP Photo/Santi Palacios) ORG XMIT: XTS139

von Johanna Panagiotou Mamali
Herausgeberin & Chefredakteurin
DRACHME, TAYTOTHTA, jopa-news

Griechenlands Vermögen liegt im Herzen seiner Bevölkerung! 

Während in unseren beiden Heimatländern und weltweit die Christen einander „Frohe Weihnachten“ wünschten, teilte ein christlicher Politiker eine zusätzliche „Ohrfeige“ aus.

Genauer: Am 27.12.2015 veröffentlicht „Die Welt“ das Interview mit Herrn Staatsminister des Innern des Freistaats Bayern, MdL Joachim Herrmann, Johanna-prothipurgosWEBzum Thema Grenzsicherheit in der EU.

Wenn ich die Aussage „Was Griechenland leistet, ist eine Farce“, richtig interpretiert habe, bezeichnet Herr Herrmann die gesamte Leistung Griechenlands angesichts der Flüchtlingskrise als eine Farce.

Angesichts der aktuellen Situation wirft eine derartig pauschale und unbegründete Aussage, in Kombination mit einem indirekten Vorschlag über einen Austritt Griechenlands aus der Schengen-Zone, viele Fragen auf. Daher kann und darf sie vom Griechentum sowie von Menschen, die mit unserem Land solidarisch sind, nicht widerspruchslos hingenommen werden.

Es reicht…

Bayerns Innenminister begründet seinen Standpunkt mit der Behauptung, Griechenland könne seinen Verpflichtungen zur Grenzsicherung nicht nachkommen.

Voilà; einige Gegenbeweise, die jeder Politiker, der eine ernsthafte Aussage zu diesem Thema machen will, in seine Betrachtungen mit einbeziehen sollte; unterlegt – wie immer – mit Daten und Fakten:

Aktuell erfüllt Griechenland alle Eurodac-Standards. Von Januar bis Anfang Dezember 2015 sind 758.596 Flüchtlinge auf dem Seeweg nach Griechenland gekommen.

94.024 Menschen sind an der Seegrenze von der Hellenischen Küstenwache gerettet worden. Im selben Zeitraum sind 413 Schlepper von der griechischen Küstenwache festgenommen worden.

In Attika und Nordgriechenland wurden neue Aufnahmezentren mit einer Kapazität von 20.000 Menschen erschaffen; für 20.000 Menschen soll die Miete subventioniert werden.

Die bisherigen Gesamtkosten für Griechenland belaufen sich auf 1 Mrd. Euro. (Quelle: Hellenische Republik, Generalsekretariat für Information und Kommunikation, Stand: 10.02.2016).

Der Schutz einer Seegrenze ist ungleich schwieriger als der einer Landgrenze, da im Meer keine Barrieren errichtet werden können; das im Völkerrecht verankerte Non-Refoulement-Gebot (Nichtzurückweisungsprinzip) verpflichtet Griechenland dazu, mit Respekt vor Menschenleben Flüchtlinge in Seenot zu retten.

A terrified child clings to a rock on the shore as a group of Syrian refugees arrive on the island after travelling by inflatable raft from Turkey. The Eastern Mediterranean route from Turkey to Greece has overtaken the central Mediterranean route, from North Africa to Italy, as the primary one for arrivals by sea. From January to June this year, 68,000 people arrived in Greece, compared with 67,500 in Italy, accounting for nearly all the arrivals in the period.
Niarchos-Lesvos

Retter in der Not

Diesen internationalen Verpflichtungen kommt das Land auf die bestmögliche Weise nach. Was nun die Landgrenzen betrifft, soll hier der Grenzzaun von Evros erwähnt werden. Der 12 Kilometer lange Doppelzaun wurde 2011 angesichts der steigenden illegalen Grenzübertritte projektiert und im Jahre 2012 fertiggestellt. Auch auf diese Weise hat Griechenland trotz seiner wirtschaftlich desolaten Lage zur Sicherung der europäischen Grenzen beigetragen.

Im April 2013 berichtete Frontex von einer rasanten Senkung der illegalen Zuwanderung in die EU, insgesamt um 50%. Als wichtigster Grund wurde vom Frontex-Direktor eine wesentliche Verbesserung der Grenzkontrolle an der griechisch-türkischen Grenze von griechischer Seite genannt.

Angesichts dieser Tatsachen kann unmöglich behauptet werden, Griechenlands Grenzen wären unsicherer als die anderer Mittelmeerstaaten.

Der Bau und das Fortbestehen des Grenzzauns am Evros im Widerspruch befinden sich im Gegensatz zum mehrmals geäußerten Willen der griechischen Öffentlichkeit sowie zum politischen Programm der regierenden Partei.

SYRIZA, die in der Opposition für den Abriss des Zauns eingetreten ist, hat im letzten Jahr als Regierung diese Einstellung geändert – zur Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung, doch zugunsten einer gesamteuropäischen Sicherheit. Die heutige Regierung in Schutz zu nehmen, ist nicht meine Absicht. Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht stets der Bürger, der Mensch!

In diesem Sinne frage ich mich:

Wollen die europäischen Politiker vielleicht auch die enorme, tägliche Leistung aller griechischen freiwilligen Helfer, deren Nominierung für eine Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis öffentlich diskutiert wird, als „eine Farce“ bezeichnen?

Damit ist Einsatz von unzähligen mutigen und engagierten Menschen gemeint: von Fischern, die effektiv und ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben die Küstenwache unterstützen, von Ärzten, Studenten, Hausfrauen und Rentnern aus Griechenland und anderen europäischen Ländern. Tausende Freiwillige kämpfen mit allen Mitteln gegen eine humanitäre Katastrophe und setzen sich mit dem alltäglichen Grauen des Flüchtlingsansturms auseinander.

Angesichts des Scheiterns der EU-Flüchtlingspolitik und der offensichtlich unzureichenden Hilfen tun sie ihr Bestes, um die Leben von Tausenden Menschen, von Frauen und Kindern zu retten. Und ohne eine Sekunde über ihr eigenes Schicksal und ihre schwierige finanzielle Lage im krisengeschüttelten Land zu denken. Andere Völker haben, wenn sie ins Elend gestürzt wurden, Kriege geführt.

Kommen wir jetzt zu der Beschuldigung, Griechenland könne von Terroristen als Eingang in die EU benutzt werden. Dieser Vorwurf basiert darauf, dass drei der sieben Attentäter von Paris durch Griechenland eingereist sind. Nach dieser Logik sollten wohl alle EU-Länder, die islamistisch-terroristische Organisationen ungewollt beheimaten, aus der Schengen-Zone austreten, darunter auch Deutschland und Frankreich, die bereits nach den Terroranschlägen von 2001 hätten austreten müssen, als sich herausstellte, dass zwei der Attentäter aus Hamburg stammten und in Deutschland aufgewachsen waren.

Dasselbe gilt auch für die letzten Attentäter in Paris und Brüssel. Keiner der Attentäter in Paris und Brüssel war Flüchtling oder Ausländer; sie waren geboren und aufgewachsen in Europa. Und wenn ein Staat den Terror tatsächlich beseitigen will, muss er in die Terror-Prävention investieren. Wie? Mit effektiven Bildungs- und Sozialmaßnahmen. Des Weiteren müssen sich die Opinion-makers bemühen, den Lesern zu sagen, dass Flüchtlinge und Terroristen zwei Paar Schuhe sind. Aber, da das Thema „Terrorismus“ fast jeden Tag analysiert wird (seit 2001 gibt es sogar Terrorismus-Experten) bleiben wir bei meinem Lieblingsthema: Pauschalisierung und das nach Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“-Prinzip.

Mideast Syria Kurds

AP- Mideast Syria Kurds

Als ich Herr Herrmann las, konnte ich folgender Konnotation nicht widerstehen:

Wenn ein Versagen angesichts der Terrorgefahr es erlaubt, die gesamte Leistung eines Landes, sowohl seiner Regierung als auch seines Volkes, als „eine Farce“ abzustempeln, was soll dann zu der Ermittlung im Fall Theodoros Boulgarides (2005) in München gesagt werden?

Die Familie des NSU-Opfers wurde mit zahlreichen Verhören konfrontiert, in denen die Polizeibeamten wiederholt versucht haben, Beweise für die Kriminalität des Ermordeten zu finden oder zu schaffen.

Der Verfassungsschutz und das heute von Herrn Herrmann vertretene Innenministerium hat in dieser Ermittlung sowie in einer Reihe von Fällen der rassistischen Verbrechen ebenfalls versagt.

Wer ist also Täter und wer – jedesmal – das Opfer? Kann man diese Frage so einfach beantworten?

Ein Beispiel: Im Jahre 2015 ist die Zahl der fremdenfeindlichen Angriffe auf Flüchtlingsheime und auf Ausländer gestiegen; im ersten Halbjahr hat ihre Zahl bereits die Gesamtzahl von derartigen Delikten im Zeitraum 2014 überstiegen.

Um Missverstände zu vermeiden: Von der Gleichsetzung aller illegalen Einwanderer mit kriminellen Elementen distanziere ich mich ausdrücklich. Ich und viele Bürger stellen uns entschlossen jeder Stereotypisierung sowie allen Vorurteilen entgegen.

Wir wollen den Erhalt der langjährig bewährten Freundschaft zwischen Griechenland und Deutschland stärken und intensivieren, insbesondere den zwischen Griechenland und Bayern pflegen und sind uns sicher, dass auch Sie dazu gerne beitragen wollen.

Joachim Herrmann

F: Bayer. Innenministerium 

Aber so nicht meine Herren!

Viele meiner Mitbürger und Landsleute fühlen sich mit der massiven Unterschätzung Griechenlands zwar auch beleidigt, zögern aber offen eine Stellungnahme dazu zu nehmen. Sie haben Angst. Die deutsch-griechischen Beziehungen würden darunter leiden, manche würden ihre Arbeit verlieren oder aus ihrem Bekanntenkreis ausgegrenzt werden.

Wenn aber in schwierigen Situationen dein Land unbegründet beleidigt wird, und Du schweigst weiter, dann hast du tatsächlich verloren. Und zwar das Wertvollste: deine Würde!

Man könnte Vieles dazu sagen, aber irgendwann muss man einen Punkt setzen und anderen Menschen das Wort geben. Die Taten des einfachen solidarischen* Menschen sprechen von alleine.

Last but not least, wünsche ich der deutschen Regierung eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der Türkei. Möge dieses Land für sie und die EU der geniale Kooperationspartner sein, der Griechenland laut mehrerer politischer Zitate nicht war; insbesondere im Kampf gegen die Schlepper.

Καλές δουλειές!

Text: All rights reserved. Deutsch-Griechisches Magazin Drachme, S. 8

https://www.yumpu.com/xx/document/view/55416017/drachme28-web

* Achtung! Was diese Menschen geleistet haben ist Solidarität und keine Wohltätigkeitsaktion. Der Unterschied ist enorm.