„Divide et impera“ in Griechenland und in der Welt

„Divide et impera“ in Griechenland und in der Welt

Das Prinzip „divide et impera“, deren Anwendung und Folgen hier skizziert werden, ist genau so alt wie die Weltgeschichte selbst. Dennoch ist seine genaue Geburtsstunde schwer zu definieren. Es handelt sich zweifellos um eine Taktik, mit der fast jeder von uns mal seine Erfahrung gemacht hat, da diese oft auch an kleinen Personengruppen, sogar in einer Familie, angewendet wird. Bedeutendes Aufsehen erregt jedoch ihre Ausübung auf staatlicher und internationaler Ebene.


Ex oriente lux

Vor zweieinhalb Jahrtausenden erläutert Sun Tzu (auch Sunzi), Heerführer des chinesischen Königreiches von Wu, die Hauptprinzipien seiner unfehlbar erfolgreichen Strategie im Werk „Die Kunst des Krieges“. Von westlichen Lesern im 20. Jahrhundert entdeckt, gehört dieses Buch nun zur Pflichtlektüre bei einer Offiziersausbildung in China, Russland, und Großbritannien. Auch manche Unternehmen setzen sich damit auseinander, wenn es darum geht, eine starke Business-Strategie zu entwickeln.

Eines der Hauptgedanken des Werkes „Die Kunst des Krieges“: Die größte Leistung eines Strategen besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen, sein Land intakt und ohne Zerstörungen einzunehmen und, nicht zuletzt, die Anwendung von Kriegslist direkten Gefechten vorzuziehen. In der Darstellung von Taktiken zur Erreichung dieses Ziels erteilt Sun Tzu folgenden Rat: „Schwäche die feindlichen Anführer… mache ihnen Schwierigkeiten und halte sie ständig in Atem; täusche sie mit Verlockungen…“. Dies kann geschehen, indem ins Land „Verräter“ (Agenten) zur Zersetzung der Innenpolitik geschleust werden; besonders wirksam aber sei, „Intrigen, Täuschung und Zwiespalt“ zwischen dem Staatsoberhaupt und seinen Ministern zu säen.

Diese obere Formulierung ist wahrscheinlich als erste schriftliche Festhaltung des „Divide et impera“-Prinzips in der Weltphilosophie zu bezeichnen. In diesem Fall wird es lediglich zur Bezwingung der Gegner angeraten, obwohl es in späteren Zeiten als Mittel der Machterhaltung bekannt wurde.


Erbe Roms

Der lateinische Ausdruck, der als „Teile und herrsche“ übersetzt wird, stammt ursprünglich nicht aus der Antike, sondern aus den Werken von Niccolo Machiavelli (1469–1527), welche der Familie Medici als Ratgeber dienen sollten. Die Überlegungen des Philosophen basierten auf historischen Erfahrungen seiner Heimat. Genauer, lässt sich die von ihm beschriebene Taktik in der Außenpolitik des Römischen Imperiums deutlich erkennen.

Die unterworfenen Mitgliedsstaaten hatten nur mit der Zentralmacht Rom Verträge abgeschlossen; Untereinander Verbündete zu werden war verboten. Dabei war die rechtliche Wertigkeit der Bündnispartner nach römischen Gesetzen unterschiedlich, es wurden also Ungleichheiten als Gründe für Konkurrenz geschafft. So gelangte eine kleinere Macht zur ungehinderten Ausübung von Herrschaft über eine große Anzahl von gespaltenen Gruppen. Ihre Überlegenheit in Zahlen blieb auf der theoretischen Ebene bestehen und konnte nicht praktisch angewendet werden, da sie von der Notwendigkeit ihrer Konkurrenz bzw. Gespaltenheit überzeugt waren.

Zu Elementen der Taktik dieser Teilung zwecks Unterwerfung gehört neben der Stiftung bzw. Nichtbekämpfung der keimenden Konflikten unter lokalen Mächten und Bevölkerungsgruppen auch die Förderung von überflüssigen Ausgaben (etwa für prunkvolle Bauwerke und Zeremonien), um einen effizienten Gebrauch für das übriggebliebene Budget (Rüstung und Kriegsführung) zu vermeiden.


„Soll die Welt besorgt sein?“

Das 20. Jahrhundert liefert wohl allzu viele Beispiele der „Divide et impera“-Taktik: zwar erfolgreich auf strategischer Ebene umso dramatischer aber für das Leben der darunter leidenden Menschen. Manche dieser „Erfolgsstories“nehmen kein Ende, wie etwa die tragische Geschichte von Nord- und Südkorea, welche seit mehr als 60 Jahre nun andauert,.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Sowjetunion im Rahmen ihrer imperialen Machtpolitik die Gründung der kommunistischen Staaten auf ihren Besatzungszonen gefördert, die als Pufferzonen gegen eine „kapitalistische“ Welt dienen sollten. So entstand auch aus der sowjetischen Besatzungszone auf der koreanischen Halbinsel ein „Arbeiter- und Bauernstaat“, der auch nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Blocks fortbestehen blieb und heutzutage als eines der restriktivsten politischen Systeme weltweit gilt.

Zur Verstärkung ihres Einflusses im Ausland hatte die UdSSR kommunistische Bewegungen in Entwicklungsländern unterstützt – erst ideologisch und finanziell, dann, als die Lage im betroffenen Land zur Eskalation kam, auch militärisch. So wurde die Politik von Teilung der Gesellschaft eines anderen Landes zwecks internationaler Machtausübung in den 1970ern in Afghanistan, in afrikanischen Staaten (z. B. Angola und Mozambik) und in Südostasien (Laos und Kambodscha) ausgeübt.

Doch die bekannteste Spaltung in der Nachkriegsgeschichte geschah in der Alten Welt und hat das Land, das sich zu Recht das Herz Europas nennt, einschneidend geprägt. Die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen war eines der wichtigsten Punkten, auf denen sich die Vertreter der Alliierten auf der Jalta- Konferenz im Februar 1945 einigten; sie erlaubte es den Siegermächten, das Land am effizientesten unter Kontrolle zu halten. Die Besatzungszonen wurden zu Einflusszonen BRD und DDR; und als die Konfrontation zwischen dem Westen und dem Ostblock sich verschärfte, wurde die deutsch-deutsche Grenze in die vordere Frontlinie des Kalten Krieges umgewandelt.

Nach der Wiedervereinigung lautete das Titelthema der Zeitschrift TIME International vom 26. März 1990: „THE GERMANS. Should the world be worried?“. Neben dem gängigen Stereotyp der Deutschen als „gefährliche Nachbarn“ machte die aufgestellte Frage eines deutlich:

Nur ein vereintes Land und ein einiges Volk stellt eine Macht dar, mit der auf internationaler Ebene zu rechnen ist. Heute, ein Jahrhundertviertel später, setzt sich die einst geteilte Bundesrepublik am wirksamsten für die Einigkeit, internationale Verständigung und Zusammenarbeit in Europa ein.


Mittlerweile, irgendwo in Europa…

Ist die europäische Geschichte der Zersplitterung damit zu Ende? Leider noch lange nicht: Die neuesten Spaltungen in Europa fanden im letzten Jahr statt und zwar zwei auf einmal und sogar in einem Land.

Ende Februar 2014, nach dem Ausklingen der Ereignisse von Euromaidan in Kiew, findet auf der Halbinsel Krim eine Reihe von Unruhen statt. Im Parlament der Republik Krim, die als Teil der Ukraine jedoch den Status einer Autonomie genießt, ist von einer gefährlichen Unstabilität im Lande die Rede. Es heißt: die Rechte der russischsprachigen Minderheiten seien vom „militanten Nationalismus“ der neuen ukrainischen Regierung bedroht und bräuchten besonderen Schutz, den nur eine Abspaltung von der Ukraine mit dem darauffolgenden Anschluss an Russland sichern könne.

Am 27. Februar wird das Parlamentsgebäude von Bewaffneten besetzt, die sich als „Selbstverteidiger der russischsprachigen Bevölkerung der Krim“ ausgeben. Sie fordern die Durchführung eines Referendums über die weitere „Selbstbestimmung“ der Krim. Dieses wird für den 16. März festgelegt und findet an diesem Tag auch statt. Die Entscheidung über den Beitritt zu Russland ist fast einstimmig: 96,77% der Wähler sollen dafür abgestimmt haben. In der Stadt Sewastopol geben 474.137 Wähler ihr „Ja“-Wort dafür ab; angenommen, die Gesamtbevölkerung der Stadt beträgt Anfang März 385.462 Personen, sind es sogar 123%.

Die Frage, inwieweit die Anwesenheit der uniformierten Truppen und der russischen Militärtechnik ohne Hoheitsabzeichen sowie der Einfluss der auf der Halbinsel übertragenen russischen Massenmedien zu der Entscheidung über das weitere Schicksal der Krim beigetragen hat, ist unter diesen Umständen eher als rhetorisch zu betrachten. Genauso wie die Frage, ob es sich beim bewaffneten Konflikt in den Regionen von Donezk und Luhansk um einen Bürgerkrieg um Autonomie oder um einen internationalen Konflikt zwecks Teilung und Herrschaft handelt.


Der Aufruf der Freiheitsgöttin

Eine ausführliche Darstellung des Phänomens „Divide et impera“ im antiken und neuen Griechenland wäre bei einer kurzen Abhandlung nicht machbar/schwer vorstellbar. Die lange Auseinandersetzung von Athen und Sparta, welche mit dem Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.) ihren Höhepunkt erreichte, ist weit bekannt. Wenig bekannt wird, allerdings, die Rolle des Persischen Reiches, das parallel seit ca. 425 v. Chr Sparta finanzierte und mit Athen einen Nichtangriffspakt abschloss. So hat die persische Führung – ohne unmittelbare militärische Beteiligung – genau das erreicht, was in den griechisch-persischen Kriegen misslungen war: eine andauernde Zersetzung des gegnerischen Staates.


Diesem antiken Bürgerkrieg folgten noch viele innere Spaltungen

Die hellenistische Epoche und die Zeit des Philipps II. waren beispielsweise von einer Teilung in Anhänger und Gegner des makedonischen Königreiches geprägt. Anschließend, im römischen Griechenland, fand ein stigmatisierender Konflikt der hellenischen Religion und des Christentums statt. Der gemeinsame christliche Glaube im Byzantinischen Reich vereinte seine Bevölkerung kaum; man denke etwa an den Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts, der als Inhalt den richtigen Gebrauch und die Verehrung von Ikonen hatte.

Auch währen der Nationalen Revolution von 1821 wurde die Schlacht auf zwei Ebenen ausgeführt. Neben dem Kampf des griechischen Volkes gegen die osmanische Herrschaft verlief parallel der Konflikt der eigentlichen Revolutionären – der Mitglieder von Filiki Eteria und der Partisanenführer – mit den Phanarioten, die ihre privilegierte Stellung unter der Osmanen-Herrschaft auch weiterhin zu erhalten versuchten. Beide Parteien stritten sich um die Macht im neu gegründeten Staat.

Nicht zu übersehen ist die wohl noch offene Wunde der jüngeren Geschichte Griechenlands – des brüdermörderischen Kriegs von 1944-1949 und dessen Folgen, die fortdauernden Gegensätze von Linken und Rechten, die bis heute in allen Lebensbereichen der modernen griechischen Gesellschaft zu sehen sind. Auch in der Krisenzeit lebte der Widerhall dieses blutigen Konflikts wieder auf.

Welche Mächte mögen hinter den aktuellen Auseinandersetzungen in der griechischen Gesellschaft stehen? Diskussionen darüber verbergen Gründe zu weiteren Spaltungen.

Griechenland rühmt sich der längsten Nationalhymne der Welt. Die 1823 von Dionysios Solomos geschriebene Hymne an die Freiheit besteht aus 158 Strophen; vorgetragen werden allerdings nur die zwei ersten zwei. Das Werk des griechischen Nationaldichters schildert den Freiheitskampf seiner Landsleute und konzentriert sich auf der allegorischen gottesähnlichen Figur der Freiheit. Gegen das Ende der Hymne lässt der Poet die stolze Freiheitsgöttin selbst zu Wort kommen. Sie schaut sich um, sieht ganz Europa rund um sich und fängt ihre Rede an. Mit einer Mahnung wendet sie sich an ihr tapferes Volk, das trotz seines in den schwierigsten Schlachten bezeugten/bewiesenen Mutes, einen seiner gefährlichsten Gegner noch nicht zu besiegen vermag.

Die Aussage endet mit einer klaren und stets aktuellen Botschaft: Ein von zersplittertes Volk „hat seine Freiheit nicht verdient“, d.h. es wird infolge des ihm schwächenden inneren Konflikten von äußeren Mächten leicht immer beeinflussbar sein und kann deshalb die von ihm erkämpfte Unabhängigkeit nicht behalten.