Griechenland: „Unterschätzteste Weinnation Europas“

Two glasses of greek wine

Grie­chen­land beherrschte in 2015 die Schlag­zei­len der Welt­presse – wegen der Schief­lage sei­ner Finan­zen. „Ver­dient hätte die Schlag­zei­len der grie­chi­sche Wein“ fin­det Sté­hane Thu­riot, Som­me­lier im Restau­rant „Königs­hof“ in Mün­chen.

Sté­phane Thu­riot, 44, ist Fran­zose, lebt aber seit über 20 Jah­ren in Deutsch­land. Er begann seine Sommelier-Laufbahn im in der Mün­che­ner „Auber­gine“ unter Eck­art Wit­zig­mann und wech­selte dann zum Restau­rant „Königs­hof“, in dem er seit­dem arbei­tet. Thu­riot ist Fran­zose. Er stammt aus Gien in der Nähe von San­cerre. Aber er ver­steht sich nicht als Pro­mo­ter fran­zö­si­scher Weine. Ebenso häu­fig emp­fiehlt er sei­nen Gäs­ten Weine aus Deutsch­land, Öster­reich, Ita­lien und ande­ren Län­dern – auch aus Grie­chen­land, was für ein Sterne-Restaurant eher sel­ten ist.

Thu­riot ist einer den weni­gen Ken­ner grie­chi­scher Weine unter den in Deutsch­land arbei­ten­den Som­me­liers. Er hat Grie­chen­land mehr­mals aus­gie­big bereist und war jedes Mal über­rascht, wie viele unbe­kannte, gute Weine es zwi­schen Make­do­nien und Les­bos gibt – und erschro­cken, wie wenig davon nach Deutsch­land impor­tiert wird. Der­zeit fin­det man auf der Wein­liste des „Königs­hofs“ 38 Posi­tio­nen mit grie­chi­schen Wei­nen, weiß sowohl wie rot. Thu­riot bie­tet sie gern glas­weise an. Jens Priewe sprach Ende Novem­ber mit ihm über die Wein­na­tion Grie­chen­land, ihr Poten­zial, die Mark­t­hemm­nisse, das Image.

-Frage: Wie wür­den Sie Grie­chen­land als Wein­na­tion in Europa ein­ord­nen?

Sté­phane Thu­riot: Ich weiß nicht genau, wie viel Hektar Wein­berge Grie­chen­land ins­ge­samt besitzt. Aber ich weiß, dass Grie­chen­land die unter­schätz­teste Wein­na­tion in Europa ist, neben Por­tu­gal.

-Frage: Woran liegt das?

Sté­phane Thu­riot: Es fehlt die inter­na­tio­nale Wert­schät­zung für grie­chi­schen Wein. Es fehlt an Ken­nern und Kennt­nis­sen. Das ist nicht nur schade. Das ist trau­rig.

-Frage: In ande­ren euro­päi­schen Län­dern als Deutsch­land dürfte die­ses Manko noch kras­ser sein.

Sté­phane Thu­riot: Mög­lich. Aber Deutsch­land ist der wich­tigste Export­markt für grie­chi­sche Weine in Europa. Da könnte man schon erwar­ten, dass Gas­tro­no­mie, Fach­han­del und Presse sich ernst­haf­ter mit grie­chi­schem Wein beschäf­ti­gen. Grie­chi­sche Restau­rants sind ja nicht ganz unbe­deu­tende Player auf dem deut­schen Gastro-Markt. Aber da geht es oft nur um Bil­lig­ware: eine Fla­sche für 5 Euro ein­kau­fen und für 20 Euro auf die Karte set­zen. Fer­tig. Vie­len grie­chi­schen Wir­ten feh­len das Wis­sen von den eige­nen Wei­nen und der Stolz, ihren Gäs­ten das Beste aus der Hei­mat anzu­bie­ten.

-Frage: Im Gegen­satz zu den Ita­lie­nern.

Sté­phane Thu­riot: Zum Ita­lie­ner geht man, um gut zu essen, zum Grie­chen, um satt zu wer­den. Das ist das Image. Lei­der erfül­len viele grie­chi­sche Restau­rants die­ses Kli­schee. Selbst in klei­nen Vorstadt-Trattorien fin­det man Tigna­nello, Bru­n­ello di Mon­tal­cino und andere Top­weine ita­li­ens. In der grie­chi­schen Taverna nebenan ste­hen lang­wei­lige Mar­ken­weine oder bedeu­tungs­lose Leicht­weine auf der Karte.

-Frage: Gibt es über­haupt große Weine aus Grie­chen­land?

Sté­phane Thu­riot: Es gibt Weine, die der inter­na­tio­na­len Top-Gastronomie wür­dig wären. Einige die­ser Weine sind sogar in Deutsch­land erhält­lich, aber meis­tens nur im Lebensmittel-Großhandel. Die Sterne-Restaurants kau­fen ihren Wein aber nicht im Groß­han­del. Sie kau­fen ihn bei klei­nen, ver­sier­ten Fach­händ­lern. Von denen gibt es nur sehr wenige, die sich auf grie­chi­schen Wein spe­zia­li­siert haben.

-Frage: Nen­nen Sie mal drei, vier Namen von Spitzenwein-Produzenten aus Grie­chen­land.

Sté­phane Thu­riot: Par­parous­sis, Gaia, Gero­vas­si­liou, Biblia Chora, Dia­man­ta­kos, Argy­ros – ich weiß gar nicht, wo ich anfan­gen soll.

-Frage: Und was ist mit dem Tri­lo­gia? Die­ser Rot­wein war jah­re­lang der ein­zige Spit­zen­wein, der über die grie­chi­sche Gas­tro­no­mie hin­aus bekannt war.

Sté­phane Thu­riot: Stimmt, den Wein fand man bei Wein­händ­lern und Restau­rants in ganz Deutsch­land. Das Wein­gut gehörte Kris­tos Kok­ka­lis, einem Grie­chen, der als Apo­the­ker in Mönchen-Gladbach arbei­tete. Er küm­merte sich selbst um den Ver­trieb in Deutsch­land, und das funk­tio­nierte. Inzwi­schen hat er das Wein­gut aus Alters­grün­den an Biblia Chora ver­kauft. Die bauen erst­mal die Reser­ven ab, die sich noch auf dem Markt befin­den. Aber in ein paar Jah­ren wird der Wein wie­der­kom­men.

-Frage: Sehen Sie die Stär­ken Grie­chen­lands mehr bei den Weiß- oder bei den Rot­wei­nen?

Sté­phane Thu­riot: In bei­den Kate­go­rien bie­tet Grie­chen­land hohe Qua­li­tä­ten. Ich per­sön­lich halte viel von den Weiß­wei­nen, ins­be­son­dere von denen aus der Sorte Assyr­tiko. Ihre impo­nie­rends­ten Qua­li­tä­ten bringt diese Sorte auf der Insel San­to­rini. Dort steht sie auf vul­ka­ni­schem Urge­stein und ergibt hoch­mi­ne­ra­li­sche Weine, die ein­zig­ar­tig sind auf der Welt. Die Reben wach­sen in Ein­zel­er­zie­hung ohne Draht wie in Nes­tern. Fast alle sind unver­edelt, viele 50 Jahre alt und älter. Nach 100 Jah­ren wer­den sie tra­di­tio­nell neu gepfropft. Das heißt: Es gibt viel Stö­cke, die 200 und 300 Jahre alt sind. Sicher, die Weine haben 14 bis 15 Vol.% Alko­hol, und die Säure ist nicht sehr hoch. Aber sie sind trotz­dem frisch wegen der aus­ge­präg­ten Mine­ra­li­tät.

-Frage: Mine­ra­li­tät ist heute eine Flos­kel gewor­den…

Sté­phane Thu­riot: Trin­ken Sie mal einen San­to­rini, dann wis­sen Sie, was ich mit Mine­ra­li­tät meine. Die Weine haben keine Frucht, sie sind nur sal­zig. Salzig-puristisch. Natür­lich wird die Assyr­tiko auch auf dem grie­chi­schen Fest­land ange­baut, etwa in Make­do­nien oder in Zen­tral­grie­chen­land. Da sind die Böden anders, folg­lich ist auch die Mine­ra­li­tät nicht ganz so stark aus­ge­prägt wie auf San­to­rini. Aber auch da zeigt die Sorte, dass sie alles kann: von leicht bis ganz wuch­tig.

-Frage: Die Assyr­tiko bedeckt gerade mal 2.000 Hektar in Grie­chen­land. Wel­che ande­ren Weiß­wein­sor­ten wür­den Sie her­vor­he­ben?

Sté­phane Thu­riot: Zum Bei­spiel die Moschofi­lero, eine uralte Reb­sorte, aus der leichte, schwach aro­ma­ti­sche Weine gewon­nen wer­den. Sie erin­nern mich an einem tro­cke­nen Gewürz­tra­mi­ner, nur leich­ter. Man kann den Moschofi­lero nicht, wie bei den Assyr­tiko, in die Kraft trei­ben. Oder die Athiri, die klas­si­sche Retsina-Rebsorte, aus der aber auch unge­h­arzte Weine erzeugt wer­den. In Weißwein-Cuvées sorgt sie für die Fri­sche. Auch die Sava­ti­ano, die häu­figste grie­chi­sche Weiß­wein­sorte, kann span­nende Weine erge­ben. Am span­nends­ten aber sind die Weine aus der Malagou­sia. Diese Sorte war prak­tisch schon aus­ge­stor­ben, als sie um 1980 von Evan­ge­lis Gero­vas­si­liou gefun­den und auf sei­nem Wein­gut wie­der ange­baut wurde. Gero­vas­si­liou hat in Bor­deaux bei Pro­fes­sor Peyn­aud stu­diert und den Wert und die Bedeu­tung der Malagou­sia sofort erkannt, als er sie ent­deckte. Sein eige­ner Malagou­sia, der auf einer Halb­in­sel süd­lich des Flug­ha­fens von Thes­sa­lo­niki wächst, ist ein sen­sa­tio­nel­ler Weißwein.

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