Unvorbereitet in einem totalen Krieg

Giannaras

von Prof. em. Dr. Christos Giannaras
Universität Athen

Wir erleben die wahrscheinlich schwierigsten und wichtigsten historischen Zeiten, die das Griechentum seit der kleinasiatischen Katastrophe (1922) erlebt hat. Um diese dramatische, neue Situation zu meistern, fehlt uns jederlei Erfahrung.

Obwohl sich keine Armeen gegenseitig schlachten, keine Städte bombardiert und keine Gebiete durch «Besatzer» ergriffen werden, handelt es sich trotzdem um einen Krieg.

Dennoch sind, wie bei bewaffneten Konflikten, Folgendes gefährdet: nationale Souveränität, staatliche Unabhängigkeit, Freiheit bei sozialer Selbstverwaltung. Was sich geändert hat, sind die Waffen. Mittel der Vernichtung sind nicht mehr die Luft- und Marineüberlegenheit, Lenkflugkörpersysteme, chemische und nukleare Waffen.

Was beim Alten bleibt, ist die Logik der Unmenschlichkeit. Ständiges Ziel war (beim vertrauten Krieg) die größtmögliche Zahl der Toten unter den Streitkräften und der Zivilbevölkerung zu erzielen, um die Moral des Feindes zu biegen und damit eine bedingungslose Kapitulation zu erreichen.

Heutiges Ziel ist die höchstmögliche Zahl der Hungernden, Arbeitslosen, Verzweifelten, Hunger- und Alkoholtoten sowie der Menschen, die – geknickt von Hoffnungslosigkeit und die Bitterkeit der Ungerechtigkeit – Selbstmord begehen.

Weiteres Ziel ist es, die Moral der Bürger zu beugen, damit alle lebenswichtigen sozialen Errungenschaften des Zusammenlebens kultivierter Menschen: Altersversicherung, Krankenhauskosten, Medikamente, Strom, Wasser, Züge, Straßen, Flughäfen, Häfen als leichte Beute dem privaten Sektor verkauft werden können.

Genau wie der poströmische Westen – während der Jahrhunderte der mittelalterlichen Barbarei – den «Sinn des öffentlichen Interesses» ignorierte, so fasst, in der heutigen Welt, das Wort «Privatisierung» den hartnäckigsten Verzicht auf die «Sportart» der gesellschaftlichen Beziehungen zusammen. Des Weiteren bedeutet «Privatisierung» das methodische Verlassen sogar noch der Absicht für Befreiung vom Primitivismus des Individualismus.

An der Umwandlung des Sozialstaates, des Wohlfahrtsstaates, des Rechtsstaates in die barbarische und zügellose «Privatisierung» war allein die Reaktion auf den albtraumhaften kollektivistischen Marxismus der Sowjet schuld.

Jedenfalls erleben wir heutzutage einen Krieg, der roh und unmenschlich ist, einen Krieg mit Millionen Opfern, Menschen, deren Leben zerstört wurde. Allein in Europa, mitten im Privilegierten- Club namens «Europäische Union» verhungern in extremer Verzweiflung ganze Gesellschaften – etwa die von Bulgarien oder von Rumänien.

In Portugal und Spanien, wo die Kriegspropaganda mit knallenden Parolen verkündet, das Memorandum wäre ein Erfolg und die Staaten wären imstande, Geld vom freien Markt zu leihen (es handelt sich um einen gesellschaftlich-politisch unkontrollierten Zinswucher), ähnelt die tatsächliche Zahl von Menschen, die ihre Wohnungen verlieren und obdachlos bleiben – da sie ihre Kredite nicht auszahlen können – einem Albtraum.

Krieg. Heutzutage sind es keine Feuerwaffen mehr, sondern die Macht des Geldes, abgekoppelt von jeglicher gesellschaftlicher oder politischer Kontrolle und ungebändigt weder von Moral noch von Logik, die durch Elend der Entbehrung, Tod, Erniedrigung und Empörung sowie reichliche Brutalisierung und Gemeinheit um sich säen.

In diesem verdammten Krieg brauchen die Feldherren kein stolzes und tapferes Ross zu reiten, da sie in einem Bürostuhl sitzend Millionen Menschen zu Hungertod und Erniedrigung verurteilen können. Genauer, indem sie Europa eine teutonische Übermacht und Führung aufzwingen, werden die Völker gedemütigt, die in ihrer Vergangenheit den eisernen Divisionen des teutonischen Nationalsozialismus auf Kosten unzähliger Opfer mutigen Widerstand geleistet hatten.

Im neuartigen Krieg werden Schlachten mit den Waffen des Geldes gefochten. Und die Strategien sind alles andere als aggressiv und angreifend geworden: Heutzutage wird ein Land von jemandem unterworfen, indem es dazu gebracht wird, von ihm Geld zu leihen. Genau dieselbe Taktik wird bei Menschen angewendet, wenn sie von Dealern selbst zu Drogensüchtigen gemacht werden.

So führt dieser neuartige Krieg auch zu keinem direkten Konflikt der Länder, sondern zu ihrer Auseinandersetzung mit den «Drogenkurieren» in Gestalt von unabhängigen Rating-Agenturen und internationalen Bankkonzernen vom kolossalen Ausmaß – den weltweiten Schmugglern der halluzinogenen Krediten.

Mit wahrlich dämonischer Klugheit und Weitblick erkennen die Schmuggler, welche Gesellschaft gerade für Kredit Hysterie anfällig ist bzw. werden kann – genauso wie die Dealer ihre potentiell abhängige Opfer vom schwachen Willen und haltlosem Charakter erkennen.

Sehr wahrscheinlich ist es, dass das Land für die bevorstehende Sklaverei den Kreditgebern gegenüber lange und mit viel Geduld vorbereitet wird – das Interesse von Konsulaten und Botschaften der wirtschaftlich starken Ländern für Kultur, Bildung und Einfluss von Kirche auf die Gesellschaft in kleineren, schwächeren und konsumfreudigen Gesellschaften ist wohl kein Zufall. Griechenland erlebt gerade seine schwierigste Kollision – die entscheidendste für seine weitere aktive historische Präsenz. Trotzdem sollten wir für unser Elend, Katastrophe und Erniedrigung keinem fremden Einfluss die Schuld zuweisen.

Unser Feind sind nicht die Privatunternehmen – Teile der Strategie im neuartigen totalen Krieg unserer Zeit. Denn wenn wir doch dazu gebracht werden, alles zu verkaufen – das Wasser, das wir trinken, unser Land und unsere Elternhäuser – wir, und wir allein sind daran schuld, dass wir von unserer Dosis abhängig wurden, als Spielbälle unserer verhängnisvollen Sucht nach Gleichsetzung des Lebens mit Konsum und der Lebensfreude und Lebensqualität mit egozentrischer Gier.

Eine reflektierende Reue kommt nicht sofort, denn wie Reifung oder Schwangerschaft benötigt sie ihre Zeit. Manchmal üben die historischen Umstände selbst eine katalytische Wirkung aus, doch bei uns scheint es leider nicht der Fall zu sein.

Wir haben bereits alle Parteien in unserem Parlament auf die Regierungsfähigkeit überprüft (inklusive vollkommen psychotischer Gebilde); offensichtlich ist die hellenische Gesellschaft davon überzeugt, dass alle Akteure der aktuellen politischen Szene im furchtbaren Krieg, der uns entkräftet, machtlos sind. Dieser Schritt zeigt bestimmt unsere Reife.

Doch dieser Schritt ist zu klein, zu unbedeutend. Denn die meisten von uns haben einen talentierten, genialen und tugendhaften Anführer erwartet, der uns wieder eine neue Dosis der Konsum-Lust sichert – genau das, woran Karamanlis-, Papandreou- und linke Radikale bereits gescheitert sind.

Die Erkenntnis und Überzeugung, dass unsere Rettung aus dem schrecklichen Krieg unserer Zeit in einer Regierung besteht, die für uns Schulen und Universitäten aufbaut und uns mit qualitativen, gesellschaftlich kontrollierten Massenmedien versorgt, sind noch nicht gereift. Von Anfang an sollen Organe der Rechtsprechung und Züchtigung aufgebaut sowie neue Wege der Gewerkschaftsbewegung bestimmt werden.

Es soll eine erneuerte Öffentliche Verwaltung entstehen, sowie eine Rückkehr zur Dezentralisierung und kommunaler Selbstverwaltung. So wird Mut der persönlichen Kreativität, Initiativen und Unternehmungen erweckt, so lebt die Freude an einer Beziehungsgesellschaft anstatt des primitiven Egozentrismus wieder auf.

Die Erkenntnis des von uns Erwünschten muss reifen.

Erschienen am 30.08.2015 in der konservativen Zeitung Kathimerini
Originaltitel: Σε πόλεμο ολοκληρωτικό απαράσκευοι

Übersetzt aus dem Griechischen:
Olga Lantukhova & Johanna Panagiotou für die 26e Ausgabe des deutsch-griechischen Magazins DRACHME, Seite 34.